ODDO BHF “Market Flash” vom 04.11.2026
In den vergangenen Tagen hat sich unser Global Investment Committee intensiv mit den US-Zwischenwahlen und ihren möglichen Folgen für die Kapitalmärkte beschäftigt. Bereits vor der Wahl hielten wir einen Sieg der Demokraten im Repräsentantenhaus für sehr wahrscheinlich. Auch eine Mehrheit im Senat erschien uns eher wahrscheinlich. Diese Einschätzung entsprach grundsätzlich dem politischen Bild vor der Wahl, auch wenn einzelne Senatsrennen schwer vorherzusagen waren.
Nun zeichnet sich ab, dass die Demokraten künftig beide Kammern des Kongresses kontrollieren werden. Die politische Richtung entspricht damit unseren Erwartungen, auch wenn die Stärke der demokratischen Zugewinne durchaus bemerkenswert ist.
Für Anleger ist zunächst eine Botschaft entscheidend: Die politischen Kräfteverhältnisse in Washington verändern sich deutlich. Für die Kapitalmärkte ist dies jedoch keine grundlegende Überraschung.
Die erste Reaktion im sehr frühen asiatischen Handel fiel dennoch kräftig aus. Besonders Technologie- und Halbleiterwerte gerieten unter Druck. Dahinter stand unter anderem die Sorge, dass der weitere Ausbau von Künstlicher Intelligenz und Rechenzentren künftig auf mehr regulatorische Hürden treffen könnte.
Bemerkenswert war jedoch, wie rasch sich die Lage wieder entspannte. Die Futures auf den S&P 500 verloren zunächst mehr als ein Prozent und holten anschließend einen erheblichen Teil der Verluste wieder auf. Noch deutlicher war die Bewegung in Südkorea: Der KOSPI verlor zwischenzeitlich mehr als vier Prozent, erholte sich anschließend aber bis auf etwa sein Vortagesniveau.
Wir interpretieren dies als Zeichen dafür, dass die Anleger bereits beginnen, zwischen der politischen Schlagzeile und den längerfristigen wirtschaftlichen Folgen zu unterscheiden. Positiv ist zudem, dass Präsident Trump signalisiert hat, das Wahlergebnis zu akzeptieren und mit den neuen demokratischen Mehrheiten zusammenarbeiten zu wollen. Damit nimmt das Risiko einer länger anhaltenden politischen Konfrontation zunächst ab.
Warum reagieren einige Investoren dennoch nervös?
Ein wichtiger Grund ist der enorme Investitionsboom rund um Künstliche Intelligenz. Politische Veränderungen insbesondere auf Ebene der Bundesstaaten könnten den Ausbau neuer Rechenzentren erschweren. Dabei geht es um sehr praktische Fragen: Wo können neue Anlagen gebaut werden? Woher kommen Strom und Wasser? Und wer finanziert den notwendigen Ausbau der Infrastruktur?
Diese Risiken nehmen wir ernst, halten eine grundlegende Trendwende aber für unwahrscheinlich. Ein Wahlergebnis beendet den amerikanischen KI-Investitionszyklus nicht über Nacht. Viele Projekte sind bereits geplant oder befinden sich im Bau. Gleichzeitig bleibt der Bedarf an Rechenleistung, Strom und Netzinfrastruktur hoch. Zusätzliche regulatorische Hürden und eine stärkere Differenzierung zwischen einzelnen Unternehmen und Projekten erscheinen uns daher wahrscheinlicher als ein abrupter Investitionsstopp.
Ohnehin schauen Investoren inzwischen kritischer auf das Thema KI. Entscheidend ist nicht mehr allein, wie viel investiert wird. Die wichtigere Frage lautet: Welche Unternehmen können diese Investitionen in nachhaltige Gewinne und freie Mittelzuflüsse übersetzen? Vom langfristigen wirtschaftlichen Potenzial Künstlicher Intelligenz bleiben wir überzeugt. Bilanzqualität, Finanzierung und Rentabilität werden jedoch wichtiger.
Auch der politische Druck auf Banken, Technologieunternehmen und KI könnte zunehmen. Die kurzfristigen wirtschaftlichen Folgen sollten allerdings nicht überschätzt werden. Ohne Kontrolle über das Weiße Haus sind die Möglichkeiten der Demokraten begrenzt, Unternehmenssteuern oder den regulatorischen Rahmen grundlegend zu verändern. Mehr politische Kontrolle und Reibung sind daher wahrscheinlicher als ein plötzlicher Wechsel der wirtschaftspolitischen Spielregeln.
Die demokratische Mehrheit im Senat verschafft der Partei zudem mehr Einfluss auf wichtige Personalentscheidungen bei Aufsichtsbehörden. Teile der Deregulierungsagenda könnten dadurch langsamer vorankommen. Präsident Trump besitzt jedoch weiterhin sein Vetorecht. Größere gesetzliche Veränderungen bleiben damit ohne breitere politische Mehrheiten schwierig.
Auch andere Anlageklassen reagieren. Am Anleihemarkt sanken die Renditen zunächst. Ein demokratisch kontrollierter Kongress könnte zusätzliche Staatsausgaben erschweren und damit den Druck auf die amerikanischen Staatsfinanzen und langfristigen Zinsen etwas begrenzen.
Der US-Dollar gab zunächst ebenfalls nach. Daraus würden wir jedoch keinen längerfristigen Trend ableiten. Für den Dollar bleiben vor allem das Wachstum, die Inflation und die Geldpolitik der US-Notenbank entscheidend. Handels- und Einwanderungspolitik bleiben zudem weitgehend in der Hand der Regierung und können über Preise, Löhne und Arbeitsmarkt indirekt auch die Entscheidungen der Notenbank beeinflussen.
Gold behält für uns seine Funktion als Diversifikationsbaustein. Mindestens ebenso aufmerksam beobachten wir den Ölpreis. Hoffnungen auf diplomatische Fortschritte zwischen den USA und Iran haben die Energiepreise zuletzt entlastet. Eine nachhaltige Entspannung würde den Inflationsdruck reduzieren. Eine erneute Eskalation könnte diese Entwicklung rasch umkehren. Für die Märkte könnte die weitere Entwicklung der Energiepreise am Ende mindestens ebenso wichtig werden wie der Wahlausgang selbst.
Was bedeutet das für unsere Portfolios?
Die politische Richtung des Wahlergebnisses entspricht weitgehend unserem bevorzugten Szenario und unserer bestehenden Positionierung. Wir sehen deshalb aktuell keinen Anlass für grundlegende Veränderungen in den Portfolios. Sollten Anpassungen notwendig werden, dürften sie eher selektiv erfolgen, insbesondere bei Technologie- und KI-Investments.
Mit Blick auf 2027 bleiben wir konstruktiv. Die US-Wirtschaft startet aus einer robusten Ausgangslage, die Unternehmensgewinne bilden weiterhin ein solides Fundament und die jüngsten Marktkorrekturen haben einen Teil der zuvor hohen Erwartungen reduziert.
Als langfristige Investoren schauen wir gleichzeitig über 2027 hinaus. Die Midterms könnten erste Hinweise darauf geben, wie sich die politische Landschaft mit Blick auf die Präsidentschaftswahl 2028 entwickelt. Ein zukünftiges Szenario mit einem demokratischen Präsidenten und weiterhin demokratischen Mehrheiten im Kongress hätte weitreichendere Folgen für Unternehmenssteuern, Wettbewerbspolitik und Regulierung. Heute sind dies für uns jedoch Szenarien, die wir beobachten, und keine Gründe, unsere Portfolios zu verändern.
Unser Fazit: Die Midterms verändern die politischen Kräfteverhältnisse in Washington, aber nicht über Nacht die fundamentalen Treiber der Kapitalmärkte. Wachstum, Inflation, Zinsen und Unternehmensgewinne bleiben für Anleger entscheidender als Parteifarben.
Für uns ist die Richtung des Wahlergebnisses daher eher eine Bestätigung als eine Überraschung. Wir bleiben eng an den Märkten und jederzeit bereit, bei Bedarf gezielt zu reagieren. Einen Anlass für breite taktische Veränderungen sehen wir derzeit nicht. An unserer konstruktiven Einschätzung für 2027 halten wir fest.