Allianz Global Investors "Die Woche voraus" vom 30.10.2026
Am kommenden Dienstag (3. November) geben die Wählerinnen und Wähler in den Vereinigten Staaten bei den US-Zwischenwahlen ihre Stimme ab. Zur Wahl stehen alle 435 Sitze im Repräsentantenhaus, 35 der 100 Senatssitze, 39 Gouverneursposten sowie unzählige kommunale Ämter. Angesichts der näher rückenden Wahlnacht ergeben sich mehrere zentrale Punkte, die Anleger im Blick behalten sollten:
Erstens heben wir einige besonders wichtige Wahlkämpfe hervor: Unter den zahlreichen Abstimmungen werden die Senatswahlen in Swing States wie Alaska, Iowa, Maine, Michigan, North Carolina, Ohio und Texas für das kurzfristige Kräfteverhältnis auf dem Capitol Hill entscheidend sein. Die Demokraten müssen netto vier Sitze hinzugewinnen, um den Senat zu erobern; in diesen Bundesstaaten haben sie die besten Chancen, die Mehrheit zu erringen. Gleichzeitig stehen Gouverneurswahlen und Wahlen zu Versorgungskommissionen in bestimmten Bundesstaaten in diesem Wahlzyklus besonders im Fokus, da die Regulierung von Rechenzentren weitgehend auf lokaler Ebene erfolgt. Insbesondere die Gouverneurswahlen in Texas und Ohio werden wegen der hohen Konzentration von Rechenzentrumsprojekten aufmerksam verfolgt; demokratische Kandidaten setzen sich dort für strengere Beschränkungen des Ausbaus ein.
Zweitens gehen wir in unserem Basisszenario davon aus, dass die Wahlen wahrscheinlich zu einem geteilten Kongress führen werden: Die Demokratische Partei dürfte die Kontrolle über das Repräsentantenhaus gewinnen, während die Republikaner ihre Mehrheit im Senat knapp behaupten. Sollten die Demokraten dennoch die Kontrolle über den Senat erringen – indem sie die jüngste Unzufriedenheit mit der Politik von Präsident Trump in vielen „Swing States“ (Bundesstaaten, in denen die Mehrheiten eher wechseln) nutzen –, dürfte ihr Vorsprung so gering sein, dass die dann republikanische Minderheit und der Präsident Gesetzesvorhaben blockieren könnten. Beide Szenarien könnten somit zu einer politischen Blockade im Kongress führen.
Drittens wird es den Demokraten als Folge daraus schwerfallen, die außenpolitischen Entscheidungen von Präsident Trump ernsthaft einzuschränken. Der Kongress hat der Exekutive in der Handelspolitik historisch weitreichende Befugnisse überlassen, und eine knappe Mehrheit im Senat würde es den Demokraten erschweren, eine Resolution zur Begrenzung des US-Iran-Konflikts zu verabschieden oder Zölle aufzuheben. Das heißt jedoch nicht, dass die Demokraten keinen indirekten Druck auf die Regierung ausüben könnten: Die Kontrolle militärischer Operationen, Untersuchungen gegen Regierungsvertreter, Finanzierungsbeschränkungen und die Verabschiedung symbolischer Gesetzesvorlagen können die öffentliche Aufmerksamkeit auf den Konflikt lenken.
Viertens sind die Befugnisse der Exekutive in Bezug auf die Wahlen selbst äußerst begrenzt. Die Verfassung weist den Bundesstaaten die Durchführung der Zwischenwahlen und dem Kongress deren Regulierung zu. In knappen Rennen wird es zwar sicherlich Anträge auf Neuauszählungen geben; jeder Versuch, Stimmzettel oder Wahlgeräte zu beschlagnahmen, die Zertifizierung zu verweigern oder Wahllokale polizeilich zu kontrollieren, dürfte jedoch auf erheblichen juristischen Widerstand stoßen.
Fünftens wird das Ergebnis in der Wahlnacht bestimmen, wie der Kongress mit zwei bevorstehenden Herausforderungen umgeht. Die Frist für die Verabschiedung des Bundeshaushalts für das Fiskaljahr 2027 endet am 11. Dezember. Sowohl bei einem geteilten Kongress als auch bei einem vollständigen Wahlsieg der Demokraten dürften die Verhandlungen schwierig werden, wodurch das Risiko eines „Government Shutdown“, also der Schließung von Regierungseinrichtungen, steigt. Darüber hinaus werden die USA voraussichtlich im Frühjahr oder Sommer 2027 erneut an die Schuldenobergrenze stoßen. Frühere Phasen geteilter Regierung waren von politischem Pokern bis zuletzt geprägt: Der Kongress wartete mit der Anhebung oder Aussetzung der Schuldenobergrenze bis wenige Tage bevor dem US-Finanzministerium die Mittel auszugehen drohten. Dies ging in der Vergangenheit mit Turbulenzen an den Anleihemärkten und negativen Ratingmaßnahmen einher.
Sechstens erwarten wir nur begrenzte Auswirkungen der Zwischenwahlen auf die Märkte. Selbst in den extremsten Wahlausgängen sollte der kurzfristige wirtschaftliche Ausblick für die USA weitgehend unverändert bleiben. Keine der beiden Parteien räumt der Haushaltskonsolidierung Priorität ein; beide treten mit unterschiedlichen wachstumsorientierten Programmen an. Der Großteil der Schwankungen in der Regierungspolitik ging in den vergangenen Jahren von der Exekutive aus, und wir rechnen damit, dass sich dieser Trend fortsetzt.
Die kommende Woche
In der kommenden Woche liegt der Schwerpunkt des Datenkalenders klar auf den USA und dort auf dem Arbeitsmarkt. Am Dienstag wird der JOLTS-Bericht zu den offenen Stellen für September veröffentlicht, gefolgt von der ADP-Beschäftigungsumfrage für Oktober am Mittwoch sowie den Beschäftigtenzahlen außerhalb der Landwirtschaft und der Arbeitslosenquote für Oktober am Freitag. Der Arbeitsmarkt hat sich in den vergangenen Monaten als stabil erwiesen: Im September stieg die Zahl der Beschäftigten um 46.000, während die Arbeitslosenquote bei rund 4,2 % lag. Hinweise auf eine Anspannung am Arbeitsmarkt könnten die Fed zu einer weiteren Straffung der Leitzinsen veranlassen.
Im Euroraum wird am Mittwoch der HVPI (harmonisierter Verbraucherpreisindex) für Oktober veröffentlicht; zuletzt lag die Gesamtinflation bei 3,8 % und die Kernrate bei 2,5 %. Im Vereinigten Königreich werden am Montag und Dienstag die Einkaufsmanagerindizes von S&P für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor veröffentlicht; die jüngsten Daten weisen weiterhin auf Expansion hin. Am Donnerstag folgt die Bank of England. Der Konsens erwartet eine Anhebung um 25 Basispunkte auf einen Leitzins von 4,00 %.
Die Mehrheiten mögen wechseln, der Marktausblick womöglich nicht,
Liam Wash
Economist