Wahlen gehen vorüber, Schulden bleiben

LFDE

LFDE Macroscope vom 21.10.2026

von Alexis Bienvenu

Am 3. November dieses Jahres gehen die Amerikaner zu den Midterm-Wahlen an die Urnen, bei denen das gesamte Repräsentantenhaus sowie ein Drittel des Senats neu gewählt werden. Umfragen-Aggregatoren wie RealClearPolling deuten auf einen erheblichen Vorsprung der Demokraten beim Rennen um das zurzeit republikanisch dominierte Repräsentantenhaus hin. Die Prognosemärkte gehen jedoch nur von einer knappen Führung im Hinblick auf die Übernahme des Senats aus. Doch noch sind die Würfel nicht gefallen. Ein Kongress aus einem demokratischen Repräsentantenhaus und einem republikanischen Senat ist weiterhin durchaus denkbar. Dass die Republikaner die Kontrolle über beide Kammern behalten, ist hingegen eher unwahrscheinlich.

Von diesen Wahlen wird vor allem die Ausrichtung der Staatsausgaben abhängen. Die Demokraten würden sich bemühen, mehr Geld in das Gesundheitswesen, die öffentliche Infrastruktur und die Energiewende fließen zu lassen. Die Republikaner, die durch die hohen Lebenshaltungskosten seit der Rückkehr Donald Trumps ins Weiße Haus stärker unter Druck stehen, würden den Fokus auf Steuersenkungen, Deregulierung und Aufstockung der Verteidigungsausgaben legen.

Trotz ihrer unterschiedlichen Schwerpunkte würden beide auf dieselbe – kaum infrage gestellte – Finanzierungsmethode zurückgreifen: die massive Verschuldung des Staates. So konstatierte Paul Ryan, ehemaliger republikanischer Sprecher des Repräsentantenhauses und traditioneller Verfechter von Haushaltsdisziplin: „Beide Parteien sind zu populistischen Parteien geworden“.

Doch diese Abhängigkeit von Fremdkapital wird mit zwei großen Herausforderungen einhergehen.

Die erste ist die Schuldenobergrenze, d. h. der Höchstbetrag der Verschuldung, den der Kongress genehmigt. Sie liegt zurzeit bei 41.100 Milliarden Dollar, wobei die Staatsschulden bereits 40.000 Milliarden Dollar überstiegen haben. Gemäß der breiter angelegten Analyse des IWF beläuft sich die Bruttoverschuldung aller staatlichen Behörden auf 126 % vom BIP. Vor dem Hintergrund eines Haushaltsdefizits von 6 % des BIP schätzt das Bipartisan Policy Center, dass die Obergrenze zwischen Ende des Winters und Mitte des Sommers 2027 erreicht werden könnte. Das würde nicht unmittelbar einen Zahlungsausfall nach sich ziehen. Das US-Finanzministerium hätte anschließend vor Ablauf der tatsächlichen kritischen Frist noch einige Monate Zeit für außerordentliche Maßnahmen. Sofern die scheidenden Amtsträger diese Frage nicht regeln, bevor am 3. Januar 2027 der neue Kongress eingesetzt wird, dürfte sie im kommenden Jahr allerdings für äußerst starke politische Spannungen sorgen. Auch wenn vor Ablauf der letztendlichen Frist eine Einigung erzielt werden sollte, könnten ihr heftige politische Auseinandersetzungen vorausgehen. Diese würden wiederum zu einer erhöhten Volatilität an den Finanzmärkten angesichts der Sorgen über die nebulösen Haushaltspläne Washingtons führen.

Doch mit einer Anhebung der Schuldenobergrenze kommt – ungeachtet des Wahlergebnisses – eine weitere Herausforderung auf die USA zu: Zu welchen Kosten wird sich der Staat künftig finanzieren können?

Laut dem Congressional Budget Office (CBO) macht die Zinslast schon jetzt 3,3 % vom BIP aus und damit mehr als das Verteidigungsbudget. Allerdings wurde ein Teil dieser Schulden zu sehr niedrigen Zinsen finanziert, die in der Zeit vor 2022 zu haben waren. Diese Zinslast dürfte also noch weiter steigen, da nicht nur die Höhe der Schulden wächst, sondern auch das Zinsniveau steigt. Im Februar 2026 ging das CBO für 2036 bereits von einer Nettozinslast von 4,6 % aus. Doch die Zinsen sind seither wieder gestiegen, sodass auch die Rechnung stetig höher ausfallen dürfte. Hinzu kommt, dass die Refinanzierung des Staatshaushalts mit der verstärkten Mobilisierung von Kapital durch die Akteure des KI-Ökosystems konkurriert, die ihre enormen Investitionen finanzieren müssen. Das hat laut Larry Fink, dem Chef von BlackRock, zur Folge, dass der Kampf um Kapital in den USA so unerbittlich sein wird wie selten zuvor1.

In diesem angespannten Umfeld ist es von entscheidender Bedeutung, dass die Investitionen in künstliche Intelligenz erhebliche Produktivitätssteigerungen bewirken. Andernfalls wird sich der Wettbewerb um Erspartes in höheren Kapitalkosten niederschlagen. Das Schicksal der amerikanischen Schulden ist also zum Teil mit dem der KI verknüpft.

Zurzeit kommen die KI-Akteure, von den anfälligsten einmal abgesehen, noch mühelos an Kapital, ebenso wie der amerikanische Staat. Die Wähler können die Schuldenfrage also erstmal in den Hintergrund rücken. Doch sie wird unweigerlich wieder auftauchen. Der eigentliche politische Termin der Nation könnte also durchaus nicht der Abend des 3. Novembers 2026 sein. Er könnte vielmehr im Jahr 2027 liegen, wenn die neu gewählten Amtsträger amerikanische und internationale Anleger davon überzeugen müssen, das Land weiterhin zu tragbaren Kosten zu finanzieren – und das in einer Welt, in der ein heftiger Kampf um Kapital und nicht nur um Wählerstimmen herrscht.

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Fußnoten

1 America Needs More Capital, The Wall Street Journal, 14.10.2026